27. Januar 2002
Vor dem 11. September
gab es verräter-ische Bilder: Zerstörungsorgien
in den Hollywoodfilmen, Schmerzver-herrlichung in den Museen der Gegenwartskunst. Diese Bilder Hessen das ungeheuerliche Ereignis am 11. September wie etwas Vertrautes aussehen, etwas, das sich die westliche Welt insgeheim herbeifantasiert hat. Schuld und Scham folgten auf dem Fuss
- und die viel gehörte Phrase, dass
«jetzt alles anders wird», war auch für
die Produktion neuer Bilder ein kollektiver
guter Vorsatz.
Gut vier Monate danach ist alles beim Alten. Arnold Schwarzeneggers «Collateral Damage», vier Tage nach dem Attentat mit viel Begleitlärm von der Affiche gestrichen, ist wieder drauf - der Film um Terror, Rache und Zerstörungswut startet am 8. Februar in den amerikanischen Kinos und am 28. Februar bei uns. Die westliche Welt schwelgt weiterhin selbstverliebt in ihren Allmachtsfantasien (etwa der des globalen Antiter-rorkrieges) und ebenso in ihren maso-chistischen Selbstanklagen. Die «Mutter aller Ereignisse», wie der französische Philosoph Jean Baudrillard in der ersten Aufregung das Geschehen des 11. September nannte, ist kalter Kaffee.
Das düstere Wissen um die tödliche Determination des Fliegers
Das Cover der Zeitschrift
«Lettre international» nimmt sich in dieser Situation in den Kioskauslagen
beinahe anachronistisch aus: Das Bild darauf erinnert an September
auf eine eigentümlich entrückte Art. Blauer Himmel, hell und flockig, darin
ein kleines Flugzeug. Zielstrebig
legt sich das fliegende Ding in eine Kurve,
dem Bild scheint ein fernes Brummen
nachzuhängen. Man kennt die Szene -
doch die Brisanz des Bildes ist eine
andere als diejenige der Fotografien, die das Flugzeug im Anflug auf die Twin Towers
zeigten. Mit leichter Hand gemalt, der
grosse Himmel pastell blau heiter,
vergegenwärtigt das Werk des brasilianischen
Malers Roberto Cabot Vorher/Nachher
besser, als jede Fotografie das tun könnte. Alle unschuldigen Assoziationen von vor dem September sind in dem Bild ebenso enthalten wie die bedrückenden des Danach: vorher der kindliche Blick
zum Himmel, die Freude am glitzernden Brummer, der alberne Wunsch zu winken... und danach das düstere Wissen um die tödliche Determination des Fliegers.
Das Coverbild ist nur eines der Werke, die «Lettre international» zum Thema «Der Schock des l I.September» von namhaften Künstlerinnen und Künstlern zusammengetragen hat. Alle dreissig sind in der aktuellen Winternummer der literarisch-politischen
Zeitschrift abgebildet. Es ist eine
illustre Sammlung. Darin sind neben
den deutschen Malerfürsten Georg
Baselitz und Jörg Immendorff, dem
jüngeren Provokateur Hans Haacke und
der Poetin Rebecca Hörn viele international anerkannte Namen vertreten:
der Arte-Povera-Exponent Jannis Kou-nellis,
der Amerikaner John Baldessari, die Schweizerin Miriam Cahn, die Per-formance-Pionierin Marina Abramovic und ihr
Ex-Partner Ulay.
«Wir haben zuerst
nur die Künstler angefragt, mit denen
wir von früherer Zusammenarbeit her Kontakt hatten», erzählt Dirk Höfer, Redaktor der viermal jährlich in Berlin
erscheinenden Zeitschrift, die als Forum
der intellektuellen Elite Europas füngiert. Bald schon nach den ersten Anfragen kündigten weitere Künstler
ihre Kontributionen an. «Es funktionierte
nach dem Schneeballprin-zip», sagt Höfer. Nach einer gemeinsamen Aussage der Künstlergruppe sucht man in der Sammlung jedoch vergeblich. Jedes Blatt ist und bleibt ein Einzelstatement.
Wenig verwunderlich bei einer Gruppe, deren Bandbreite von expressiver Malerei über enigmatische Konzeptkunst bis zum eklektischen Postmodernismus reicht. Und doch etwas irritierend,
wie sehr viele dieser Werke im Episodischen stecken bleiben. Der 48-jährige Amerikaner Robert Longo malt eine brennende US-Fahne. Der Titel:
«How have wc helped to create this hate?»
Ulay zeigt Minarett-Türme und nennt sie «Islanlic Missilcs», die 33-jährige Palästinenserin Aissa Deebi kleidet zwei Plastikpuppen in Helm und Gasmaske:
«Naked Hcroes». Der in Paris lebende deutsche Künstler Jochen Gerz führt
geometrisch vor, wie viele Menschen jeden
Tag des Hungers sterben. Georg
Baselitz zeichnet einmal Hände mit einem Totenschädcl, einmal Füsse, die nach unten aus dem Bild verschwinden
- die Welt steht hier wohl nicht
nur aus ästhetischen Gründen Kopf
wie sonst in den Bildern des 64-jährigen Deutschen. Auch bei Immendorff sieht man den schrecklichen freien Fall, doch in seiner Zeichnung hat der Aufprall auf den Boden schon stattgefunden
- der Körper hat sich tief in die Erde eingegraben, nur die Füssc
strampeln hilflos in der Luft.
Es sind letztlich
Bild gewordene Betrof-fcnhcitsfloskeln,
die aus dem Bedürfnis der Künstler
entstanden sind, die Welt der Bilder auf
ihre Weise zu rehabilitieren. Als ob es darum ginge, zu zeigen, dass Bilder, in denen vor dem 11. September stärker als in Texten die (Selbst-) Zcrstörungsfantasicn des Westens lebten,
jetzt auch brav und betroffen tun können.
Nur: Erinnert man sich an die vor dem
11. September entstandenen schuldigen (oder, wie es heule scheint, «prophetischen») Kunstwerke, wirken
diese ungleich stärker. Man denke an die «The B-Thing» genannte
Performance der österreichischen
Gruppe Gelatin im Frühjahr 2000, während der die Künstlerbande (die gerade in der Zürcher Galerie Ars Futura ausstellt) heimlich einen Balkon vor ein Fenster im 91. Stock des World Trade Center montierte und sich in dieser prekären Lage von aussen fotografieren liess. Oder an ein kleines Werk von Joseph Beuys, in dem er die Zwillingstürme mit den Namen Cosmos und Damian
versah - zwei Märtyremamen (an die Brisanz dieses Werks aus dem Jahr 1974
erinnert Arno Widmann im Magazin der
«Berliner Zeitung»).
Den bildenden Künstlern, zeigt sich an der spannenden Aktion des «Lettre», ergeht es nicht anders als den Edelfe-dern: Man erinnert sich an die Tage und Wochen im letzten Herbst, als ein klingender
Autorenname nach dem anderen die
Zeitungen und Zeitschriften zierte -ohne
dass einer der berühmten Schreiber das
geschockte Stammeln der westlichen Gemeinde
zu überhöhen vermochte. Es wäre ein
Trugschluss zu denken, dass die bildenden Künstler, bloss weil ihr Ar-beitsprozess länger dauert, die distanzlose Schockphase überspringen könnten.
Auch in der Welt der Kunst wird durch das September-Ereignis nicht alles anders. Was sich verändert,
sind Nuancen der Wahrnehmune. Deshalb machen pla-
Seltsamerweise berührt die kindlichste Geste des Brasilianers Cabot am meisten. Auch aus der Distanz behält sie ihre Richtigkeit. Denn eines ist sicher -so unbeschwert wie vor dem 11. September wird man nie wieder einem Flugzeug im blauen Himmel zuwinken können.
Von Ewa Hess
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